Alles kann, nichts muss.

publikation in der EDITION PATRICK FREY [link]
gestaltung: HOLGER SALACH & TOBIAS PEIER [link]

23 x 23 cm, 216 seiten, 60 fotografien, 46 texte

ISBN 3-905509-61-X

SFr 48,- / € 32,-


SONDEREDITION:
20 bücher mit je zwei originalprints, nummeriert und signiert


rezension in der WELTWOCHE von MARTIN JAEGGI [link]

Das Buch „Alles kann, nichts muss.“ ist der Versuch einer fotografischen und textlichen Annäherung an das Phänomen der Swinger-Szene.

Als Swinger werden Menschen bezeichnet, welche im gegenseitigen Einverständnis sexuelle Kontakte auch mit anderen Partnern haben. Die Kontaktaufnahme findet grösstenteils über Anzeigen im Internet statt. Dadurch gibt es keine geschlossene Szene, vielmehr hat jeder durch diese Form des anonymen und schnellen Kontakts die Möglichkeit, sich ortsungebunden zu beteiligen.

Anfänglich faszinierte mich vor allem das Paradoxon, dass Sexualität, welche gemeinhin im privaten Bereich verortet ist, sich in den halböffentlichen Raum verlagert. Oftmals geht es dabei nicht in erster Linie um den sexuellen Akt selber, auch Exhibitionismus und Voyeurismus spielen eine grosse Rolle.

In den Kontaktanzeigen werden mit einem codierten Vokabular die sexuellen Vorlieben und Wünsche an die potenziellen Partner formuliert. Im Stile einer materiellen Tauschbörse wird nach ökonomischen Prinzipien in den Texten die Verwirklichung von Fantasien angeboten und gefragt.

Mich interessierte, nach welchen Strukturen das System Swingerkultur funktioniert, wie mit dem Tabubegriff umgegangen wird, wo die Grenzen liegen, welche Machtverhältnisse sich bei einem Gangbang abzeichnen. Ich fragte mich, ob sich die Teilnehmer einfach von einem Kick zum nächsten bringen und im Grunde nie finden was sie suchen. Könnte es sein, dass die vielen formulierten Fantasien gar nicht zur Verwirklichung kommen? Wo liegt der Unterschied zwischen einem Swingerclub und einem Kegelverein?

Die Fotografie spielt in der Arbeit eine grosse Rolle, nicht zuletzt, weil die Kontaktanzeigen oft mit einem Foto der Suchenden garniert sind und bereits dort ein erster exhibitionistischer und voyeuristischer Akt vollzogen wird.
Dadurch, dass ich als Fotograf Kontakt aufnahm, wurde ich mit unterschiedlichsten Bildvorstellungen konfrontiert, die in den eMails und bei Treffen geäussert wurden. Wünsche nach inzenierten Bildern und eine zugewiesene Expertenposition („Du bist der Fotograf, du sagst uns was wir machen sollen“) wechselten mit der Aufforderung „einfach dabei zu sein“.

In meiner Rolle als reisender Voyeur geriet ich somit in verschiedene Settings, ähnlich auf der Suche wie die Beteiligten. Durch unterschiedliche Erwartungshaltungen an die entstandenen Bilder herrschte nicht immer Konsens über „gute/richtige“ Fotografie.

Dieses Spannungsfeld aus sexuellen und visuellen Erwartungshaltungen bildet den Kern des Buches.
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